RAYvolution

Raymar Morgan spielt eine Saison wie entfesselt und jagt BBL-Uraltrekorde. Wie aus dem Mann „das Biest“ wurde, hat viel mit dem dunkelsten Kapitel seines Lebens zu tun. OrangeZone.Magazin erzählt die ganze Geschichte.

Jede Revolution beginnt im Kleinen. Unscheinbar, und oft gegen jede gültige Regel. Wer hätte noch vor Jahren für möglich gehalten, dass Fußball-Torhüter eines Tages weit vor ihrem Kasten passen, grätschen und die letzte Verteidigungslinie bilden? Niemand – bis zu Manuel Neuer. Wer hätte nur einen Cent auf einen schmächtigen Jungen namens Tom Brady gesetzt, der einst als 199. Draft-Pick in die National Football League kam – und heute als bester Quarterback aller Zeiten gilt? Und wie viele 2,13-Meter-Typen konnten eigentlich Dreier werfen, ehe im Jahr 1998 ein Blondschopf aus Würzburg die NBA-Bühne betrat? Viele Umwälzungen kommen aus dem Nichts – das macht sie erst zu dem, was sie sind. Oder wie Tracy Chapman in einem ihrer größten Hits singt: „Talkin’ bout a revolution sounds like a whisper.“

Als diese berühmten Zeilen im August 1988 erstmals „on air“ gehen, erblickt Raymar Jeffery Morgan in Canton, Ohio gerade das Licht der Welt – keine Autostunde von Cleveland entfernt, der Heimatstadt von Tracy Chapman. „Talkin’ bout a revolution“ ist einer der Titel, die Chapman damals berühmt machen; eine Sozialkritik an der steigenden Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, die im Rezessionsklima der 80er-Jahre um sich greift. Nichts, was Ray Junior – den Sohn eines Air-Force-Offiziers und einer Beamtin – persönlich betrifft. „Ich hatte eine schöne, glückliche Kindheit“, sagt Ray.

Und doch: Einige Jahre später wird Raymar Morgan einmal Teil seiner ganz eigenen Revolution sein. Einer individuellen, sportlichen, menschlichen Entwicklung, die ihn vom Tiefpunkt seiner Karriere aus in neue Höhen führt. Und die ihn gleichsam zu einem Veränderer in seiner Profession macht. Let’s talk about RAYvolution!

Kunden fragen, ob er nicht dieser College-Star sei – und Ray schenkt Kaffee aus

Am Anfang steht ein dreijähriges Martyrium, das das Leben von Raymar Morgan komplett aus den Angeln hebt. Alles beginnt am 26. November 2011: An dem Tag, an dem ratiopharm ulm den Auszug aus der Kuhberghalle feiert, ist im 4.000 Kilometer entfernten Aschkelon, Israel, Morgans zweite Profisaison nach nur zwei Minuten beendet. Bei einem Dunk-Versuch im Fastbreak knickt sein Knie weg, ohne gegnerische Einwirkung, dafür begleitet von Schmerzensschreien, die bis in die letzten Winkel der Halle vordringen. Morgans Coach Eric Alfasi wird später von „einem der schlimmsten Momente meiner Karriere“ sprechen. Die Patellasehne ist gerissen, die wichtigste Sehne im Kniebereich. „Es hieß: ich muss viel Geduld haben – aber die hatte ich damals nicht“, sagt Ray. „Ich habe es übertrieben und wollte zu schnell zu viel.“ Fast auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Verletzung steht er wieder auf dem Parkett. Es wird eine Saison im israelischen Netanja, die Morgan heute als „Albtraum“ beschreibt, denn der US-Amerikaner wird nie wirklich fit und ist am Saisonende nur noch ein Schatten seiner selbst (6,4 Punkte in den Playoffs). Und das Schlimmste kommt erst noch: Als sich Ray im Sommer zuhause in Michigan durchchecken lässt, sind die Ärzte schockiert: die bereits geflickte Patellasehne hängt nur noch zerfleddert an einem dünnen Faden. Noch bevor der Schock verdaut ist, muss Morgan erneut unters Messer.

„Das war die härteste Zeit meines Lebens“, sagt er heute. „Ich hatte viele depressive Tage, an denen ich nicht aus dem Haus wollte.“ Doch er muss – denn als vertragloser Spieler ist er nicht abgesichert, erhält keine Sozialleistungen. Die Geschichte ist bekannt: Vormittags verdingt sich Morgan in einem Jedermann-Job, nachmittags trainiert er in der Reha. Ob sich die Plackerei lohnt, weiß keiner: „Niemand konnte mir sagen, ob ich wieder der Alte werde oder ob das Knie überhaupt je wieder den Belastungen einer Saison standhalten würde.“ Wenn Ray morgens um 5 Uhr das Fitnesszentrum aufsperrt, in dem er arbeitet, wenn er Getränke ausschenkt und dabei gelegentlich von Gästen gefragt wird, ob er nicht der Typ sei, der mit Michigan State im College-Finale stand – dann realisiert er, welches Glück er hatte. „Dieser Job hat vieles relativiert – vor allem meine Beziehung zum Basketball. Damit sein Geld verdienen zu können, ist ein Geschenk“, sagt Morgan im Rückblick. Wenn es ihm damals nach neun Stunden hinter der Theke an Motivation für die Reha fehlt, dann ermahnt er sich selbst: „Willst du in diesem Job dauerhaft sein? Nein – also halt’ dich ran!“   

Ein Rezept gegen Morgan? Ich wünschte, ich hätte das“, sagt Brian Qvale

Im Juli 2014 ist ein Etappenziel erreicht: Nach 13 Monaten im Wiederaufbau-Training steht, läuft und wirft Morgan erstmals wieder auf einem Basketball-Court. Es ist ein so stolzer Moment, dass Ray ihn per Kamera festhält und über Youtube mit der Welt teilt. Einige Wochen später erkundigt sich ein gewisser Johan Roijakkers bei Morgans Agenten nach dem Forward. „So breit hat er das ganze Jahr nicht gegrinst“, erinnert sich Rays Frau Nathalie an den Moment, als sein Agent ihm vom Interesse aus „Göttingen, Germany“ erzählt. Wo das liegt – Morgan hat keine Ahnung. Es ist ihm auch gleich. Hauptsache, es geht aufwärts. Oder um es mit Tracy Chapman zu sagen: „Finally, the tables are starting to turn.“ 

Und wie sich das Blatt wendet. Heute, zweieinhalb Jahre später, ist Raymar Morgan zweifacher BBL-Allstar (2015, 2017), griechischer und deutscher Vizemeister (2015 bzw. 2016). Er ist weitgehend gesund geblieben, und unbestritten eine der dominierenden Figuren der easyCredit BBL. „Er ist eine Waffe. Es gibt keinen Spieler in der BBL, der ihn stoppen kann“, meinte Göttingens Coach Roijakkers schon im Dezember im Göttinger Tageblatt.

Einer, der es wissen muss, ist Brian Qvale. Sieben Mal trafen der Oldenburger Center und Morgan in den letzten zwei Jahren aufeinander. Beim vermeintlich achten Duell, am 2. Spieltag dieser Saison, fehlte Qvale verletzt; Morgan dominierte mit 22 Zählern. „Ein Rezept gegen ihn? Ich wünschte, ich hätte das“, sagt Qvale später galgenhumorig. „Seine Kombination aus Tempo und Kraft ist selten, und damit hatten wir Probleme.“ Wieder einmal. Denn schon im Playoff-Viertelfinale 2016 zerlegt Ulms Achter – eine Nummer, die auf Morgans Geburtsdatum 08.08.1988 zurückgeht – die große Oldenburger Garde mit 24,3 Punkten und 9,8 Rebounds. Qvale, der effektivste Spieler der Hauptrunde, verkommt bei der Morgan-Show zum Sparringspartner (11,0 Punkte).

Wie Shaq zu seinen besten Zeiten

Die Serie gegen die „Donnervögel“ scheint der Moment zu sein, in dem das „Biest“ entfesselt wird. Dieser grimmige Gladiator, der Center-Kolosse aussehen lässt wie Schulbuben. Und auf den sich die Verteidiger stürzen wie die Köpfe der Hydra auf Herkules. „Da kommen teilweise so früh zwei Verteidiger, wie bei Shaq O’Neal zu seinen besten Zeiten“, so Thorsten Leibenaths Vergleich mit einem der dominantesten Center des 21. Jahrhunderts. Wie Shaq nimmt auch Ray seine Gegner, wenn nötig, mit aufs Poster – egal, wie viele an seinen Armen zerren.

„Ray bekommt sehr viel ab, mehr als andere“, fügt Leibenath an. Noch in der letzten Saison seien ihm die Schläge und Stöße merklich an die Nerven gegangen. „Aber in diesem Bereich hat er sich extrem weiterentwickelt“, sagt der Head Coach – und kommt dann wieder auf die Oldenburg-Serie zurück. Zu einem Zeitpunkt, als die Ulmer Rotation auf sieben gestandene Profis zusammengeschrumpft war, als die Schwaben alles brauchen konnten, nur keine zusätzlichen, foulbelasteten Bankwärmer – da verstand Morgan. Und hielt sich im Zaum. Keine Frustfouls mehr, kein Lamentieren; stattdessen die beste Serie seines Lebens. „Ich bin reifer geworden“, sagt er selbst. „Ich habe gelernt, ruhig zu bleiben und mir zu sagen: ‚Let it go – weiter geht’s’.“

Die ganze Geschichte über Raymar Morgen gibt es in der neuen Ausgabe von OrangeZone.Magazin. Entweder ab sofort online ( ISSUU | PDF-Blätterkatalog) oder ab Samstag in der ratiopharm arena und anschließend kostenlos in ganz Ulm & Neu-Ulm.

Text Joshua Wiedmann  Fotos Marcel Merli, Ulf Duda, Harry Langer, Florian Achberger

 

 

>