Eine Halbzeit mit Charakter reicht nicht

ratiopharm ulm unterliegt Dolomiti Energia Trento mit 77:66, zeigt aber nach einer schlechten ersten Halbzeit (49:25) Moral / Ausgeglichene Gruppe D nach fünf EuroCup-Spieltagen

Shortcut ratiopharm ulm muss weiterhin auf den ersten Auswärtserfolg im EuroCup warten: Die grippegeschwächten Ulmer, die auf Luke Harangody und den verletzten Till Pape sogar ganz verzichten mussten, unterlagen bei Dolomiti Energia Trento mit 77:66 (49:25). Dabei war es wieder ein verkorkster Start, mit dem sich die Gäste zu viele frühe Punkte einfingen (17:4). Doch anders als in Tübingen, als sich das Team von Head Coach Thorsten Leibenath nach einem 15:2 auf die Siegerstraße kämpfte, sollte eine zweite Halbzeit mit Charakter diesmal nicht reichen. Wenngleich sich die „zweite Garde“ um Debütant Jerrell Benimon (12 Punkte), Ismet Akpinar (11) und Joschka Ferner (9) mit ihrer engagierten Leistung in den letzten zwölf Minuten (13:27) ein Lob des Cheftrainers verdiente, war die Aufholjagd nach dem hohen 25 Punkte-Rückstand zur Halbzeit letztlich nicht genug. „Mit der Art, wie wir in der ersten Halbzeit gespielt haben, hätten wir den Sieg nicht verdient gehabt“, so Leibenath, der mit Blick auf die enge Tabellensituation in Gruppe D (siehe Good to know) allerdings betont: „Jedes Team hat hier noch Chancen auf das Weiterkommen.“


Keystats Die Statistiken belegen zwei unterschiedliche Hälften beider Mannschaften: Hatte Trento in der ersten Halbzeit noch satte 12 seiner 16 Zweipunktwürfe versenkt (75%), fielen in der zweiten nur noch 4 der 16 Versuche durch die Reuse. „Dass wir Trento bei 25 Prozent halten konnten, beweist den Charakter, den die Jungs in der zweiten Hälfte gezeigt haben“, so Leibenath, dessen Truppe auch das Rebounding-Duell zu seinen Gunsten drehen konnte. Den großen Unterschied machte allerdings die Dreierquote aus: Trafen die Italiener in den vier Spielen zuvor nur 28 Prozent ihrer Dreipunktwürfe, waren es am Mittwochabend fast 40. Den 11 Trienter Dreiern standen gerade einmal 3 erfolgreiche Distanzwürfe (13%) auf Ulmer Seite gegenüber.

Spotlight Mit einem Double-Double (12 Punkte, 10 Rebounds) ist Jerrell Benimon der Einstand im orangenen Jersey gelungen. Genau dort, wo es sich Thorsten Leibenath erhofft hatte – nämlich in der Zone -, half der „Wühler“ den Ausfall von Tübingen-Topscorer Harangody teilweise zu kompensieren. Gemeinsam mit Benimon hatte Joschka Ferner großen Anteil am Ulmer Lauf in den letzten Spielminuten. Nach tollen Leistungen bei der OrangeAcademy, die zuletzt zweimal gewann, beweist der 21-Jährige nun auch auf internationalem Parkett stark aufsteigende Form und konnte mit seinen 9 Punkten einen neuen EuroCup-Bestwert auflegen.

Play-by-Play
1. Viertel (25:10): Ojars Silins auf der einen Seite, Ryan Thompson auf der anderen: Zwei ehemalige Bonner Teamkollegen eröffneten für die beiden Mannschaften den Punktereigen (4:2, 3.). Und Silins war es auch, der mit seinem Dreier einen 11:0-Lauf initiierte, den Dominique Sutton zum 17:4 (5.) abschloss. Vor allem die frühe Trienter Treffsicherheit aus der Distanz (3/4) und ein gelungenes Teamplay (7 Assists) machte im ersten Viertel den Unterschied, denn bei Ulm (1 Assist) wollte von Downtown noch gar nichts (0/5) fallen.

2. Viertel (24:15): Für einen Ulmer Lichtblick sorgten dann ein Neuzugang und ein Geburtstagskind: Nachdem Jerrell Benimon das Viertel per Dreipunktspiel eröffnet hatte, legte Toure Murry nach (25:15, 12.). Doch Trentos Konter war eiskalt: Flaccadori und Baldi Rossi stellten jenseits der 6,75 Meter wieder auf 33:15 (14.). Und wenngleich die Italiener in der ersten Hälfte 7 ihrer 11 Freiwürfe liegen ließen, konnte ratiopharm ulm keinen Profit daraus schlagen – im Gegenteil: Die immer verunsicherteren Gäste verstrickten sich immer wieder in Einzelaktionen und sahen sich nach einem altbekannten Sutton-Steal (7. Ballverlust) erstmals einem 20 Punkte-Rückstand (41:21, 17.) gegenüber. Und aus der Distanz wollte weiterhin nichts fallen (0/12), während Flaccadori nach 1/13 in den ersten vier EuroCup-Partien mit seinem dritten Dreier (3/4) die Basis für eine komfortable 49:25-Führung legte.

3. Viertel (15:22): Nach einem Dreipunktspiel von Trey Lewis konnte Da’Sean Butler den Ulmer Dreierfluch aus der linken Ecke endlich besiegen (50:32, 22.). Das schien auch Lewis anzustecken, der dem Beispiel des Co-Captain folgte und auf 54:37 (25.) verkürzte. Nachdem das Lewis-Butler-Duo wenig später auf 55:39 stellte, fanden aber auch die Gastgeber wieder zu ihrer Wurfstärke zurück – zwei Dreier und ein Dreipunktspiel später war der Rückstand wieder bei 25 Punkten (64:39, 28.) angelangt. Doch in den letzten beiden Spielminuten zeigten die nun deutlich verjüngten Ulmer Moral: Benimon und Joschka Ferner (5 Punkte) beendeten das dritte Viertel mit einem 8:0-Lauf zum 64:47.

4. Viertel (13:19): Und mit ihrem unbändigen Einsatzwillen konnten Ferner und Benimon ihren Run zu Beginn des Schlussabschnitts gar auf 12 unbeantwortete Punkte ausbauen und waren plötzlich auf 13 Punkte dran (64:51, 31.). Und wenngleich Flaccadori per Vierpunktspiel zum 69:53 konterte, bedeutete es nicht die Aufgabe für das Ulmer Team, das nun von Ismet Akpinar getragen wurde: Der 22-Jährige, der in den 33 Minuten zuvor punktlos geblieben war, markierte 8 Zähler in Folge und hatte damit fünf Minuten vor dem Ende (71:61) nochmals einen Hoffnungsfunken für die Ulmer gezündet. Doch ein erfahrener Jorge Gutierrez sorgte mit seinem Dreier für die Vorentscheidung zum 74:61, wenngleich Ferner und Akpinar sich bis zum 77:66-Endstand immer wieder mit gelungenen Offensivaktionen wehrten.

Quotes
Maurizio Buscaglia (Head Coach Dolomiti Energia Trento): „Das war ein sehr wichtiger Sieg für uns. Auch, damit wir unsere Chancen auf die Qualifikation für die Top16 aufrechterhalten können. Wir haben heute 28 Minuten mit sehr viel Energie in der Verteidigung agiert und damit den Weg für unsere Offense geebnet, wo der Ball sehr gut gelaufen ist. Der nächste Schritt ist es jetzt, dieses Level über 40 Minuten aufrecht zu erhalten.“

Thorsten Leibenath (Head Coach ratiopharm ulm): „Die Art und Weise, wie wir in der ersten Halbzeit aufgetreten sind, war viel zu passiv – so haben wir uns den Sieg nicht verdient. Positiv zu sehen war dann aber, wie einige Jungs in die Presche gesprungen sind, Charakter gezeigt haben und Trento bei 25 Prozent aus dem Zweier-Bereich halten konnten.“

Good to know Halbzeit in der EuroCup Regular Season! Nach dem 84:82-Heimerfolg von St. Petersburg über Bursa und dem 68:84-Ausrufezeichen von Gran Canaria in Lyon ist die Gruppe D zweigeteilt und zugleich sehr eng beieinander – so eng, dass selbst Thorsten Leibenath auf der Pressekonferenz schmunzeln muss: Drei Mannschaften (Gran Canaria, St. Petersburg, Bursa) verfügen über eine Bilanz von 3-2, während sich ratiopharm ulm mit Lyon und Trento die Plätze vier bis sechs teilt (je 2-3). „Da will ich nichts vorhersagen“, so Leibenath mit Blick auf das Tableau. Die nächste Chance, sich auswärts zu beweisen, haben die Donaustädter nächsten Mittwoch in Bursa, bevor das Nationalmannschaftsfenster auch für eine zweiwöchige Pause im EuroCup sorgt.

Fotos: Daniele Montigiani, Sascha Schäfer

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